Flugzeugabsturz in Empelde (Hannover)

Die Situation: Ein junger Mann verliert nachts wegen Trunkenheit am Steuer seinen Führerschein, klaut daraufhin ein Kleinflugzeug und fliegt stundenlang über Hannover herum. Er wird er von einem Polizeihubschrauber verfolgt und löst den Einsatz zweier Kampfjets aus. Unvorstellbare Szenen, bevor er nach dreieinhalb Stunden schließlich abstürzt und im Flugzeugwrack verbrennt.

Anhand von offiziellen Unfalluntersuchungsberichten und Nachrichtenmeldungen haben wir den bis heute beispiellosen Zwischenfall rekonstruiert und verständlich aufgearbeitet. Nachfolgend eine Chronik der Ereignisse.

Beachten Sie: Diese Geschichte klingt wie ein packender Roman, aber sie ist (leider) genau so passiert. Es geht unter anderem um ein trauriges Schicksal und den Tod. Wenn Sie wissen, dass Sie empfindlich auf solche Themen reagieren, lesen Sie besser nicht weiter.


Themen

  1. Chronik


Chronik der Ereignisse

Freitag, 30. April 2004: Zahlreiche Menschen feiern den »Tanz in den Mai«. Einer von ihnen: Der 21 Jahre alte Stephan K. aus Hannover. Der junge Mann verbringt die Nacht in einer Diskothek – Alkohol fließt, die Stimmung ist ausgelassen. Stephan K. ist Fluggerätemechaniker in Lemwerder und seit knapp zwei Jahren Privatpilot. Sein erklärtes Ziel: Die Berufspiloten-Lizenz. Flieger-Freunde beschreiben ihn als guten Piloten, der nie ein Risiko einging.

Samstag, 1. Mai 2004, gegen 4 Uhr: Stephan K. verlässt die Disko und steigt in seinen BMW. Weil er auf der Weltausstellungsallee viel zu schnell unterwegs ist, fällt er einer Streifenwagenbesatzung auf, die ihn stoppt und kontrolliert. Das Ergebnis: Stephan K. hat offensichtlich viel zu viel getrunken. Die Beamten nehmen ihn mit zur Wache.

4.29 Uhr: Auf der Polizeiwache wird dem 21-Jährigen eine Blutprobe entnommen. Das Ergebnis: 1,92 Promille! Die Beamten beschlagnahmen den Führerschein, zur Sicherheit werden auch die Autoschlüssel einkassiert. Doch: Statt in der Ausnüchterungszelle zu landen, wird Stephan K. nach Hause entlassen. Weil er sich – so heißt es im Polizeibericht – »friedlich, freundlich und kooperativ« verhalten hat.

Ein Fehler der Polizei? Damit, was dann passiert, haben die Beamten jedenfalls nicht einmal im Ansatz gerechnet.

Circa 4.40 Uhr: Statt nach Hause zu gehen und seinen Rausch auszuschlafen, begibt sich Stephan K. zur Wohnung seiner Eltern in Hannover. Was in seinem Kopf vorgeht, weiß nur er. Der betrunkene junge Mann setzt sich in den VW Golf seines Vaters und fährt los. Mehr als zwei Stunden ist der 21-Jährige mit dem Wagen unterwegs.

6.55 Uhr: Auf der Autobahn A28 bei Delmenhorst melden Autofahrer einen VW Golf, der durch verkehrsgefährdende Fahrweise auffällt. Was bis dahin noch niemand ahnt: Am Steuer sitzt Stephan K.

7.00 Uhr: Eine Streifenwagenbesatzung hat sich auf den Weg gemacht, das Fahrzeug zu finden und zu überprüfen.

Circa 7.05 Uhr: Stephan K. verlässt die Autobahn an der Abfahrt Hatten und fährt zum nahegelegenen Flugplatz Oldenburg-Hatten. Einer Kontrolle durch die Polizei ist er damit unbewusst entgangen – die Beamten können das gemeldete Fahrzeug nicht mehr feststellen.

Circa 7.10 Uhr: Der 21-Jährige, der den Flugplatz und die Abläufe dort gut kennt, schlägt eine Scheibe des Towers ein und macht sich am Schlüsselkasten zu schaffen. Er nimmt sich die Schlüssel für den Hangar und eine Cessna 172.

Circa 7.15 Uhr: Der Flugplatz ist abgelegen und um diese Uhrzeit völlig verlassen. Stephan K. kann sich unbehelligt bewegen. Dann das Unfassbare: Der Mann, der noch vor wenigen Stunden knapp zwei Promille im Blut hatte, holt allein das Flugzeug aus dem Hangar und bereitet es für den Start vor!

Circa 7.30 Uhr: Stephan K. hat die Maschine startklar gemacht und rollt unbeobachtet zur Startbahn. Er scheint fest entschlossen.

7.34 Uhr: Stephan K. hebt mit der Cessna vom Flugplatz ab und fliegt in südöstliche Richtung. Vorbei an Bassum und Nienburg nimmt der 21-Jährige gezielt Kurs auf die Niedersächsische Landeshauptstadt Hannover.

8.11 Uhr: Exakt 37 Minuten nach dem Start in Hatten meldet sich Stephan K. beim Tower am Flughafen Hannover. Der Tower-Lotse genehmigt dem Piloten das Durchfliegen der Kontrollzone und einige Kreise über dem Stadtkern. Auf Anfrage des 21-Jährigen erteilt der Lotse auch die Freigabe für einen Instrumenten-Anflug auf den Flughafen Hannover, danach noch für einen weiteren.

Circa 8.30 Uhr: Stephan K. fliegt mit der Cessna zwei Anflüge nach Instrumentenflugverfahren. Dem Tower-Lotsen und allen anderen Luftsicherheits-Beteiligten fällt dabei offenbar nichts Ungewöhnliches auf.

8.45 Uhr: Die Anfrage für einen dritten Anflug lehnt der Tower-Lotse jedoch ab und weist Stephan K. an, nach Süden in Richtung Stadt abzudrehen. Der junge Pilot folgt dieser Anweisung zwar noch, wird ab diesem Zeitpunkt aber nicht mehr antworten.

Circa 9.00 Uhr: Während in Hannover Menschen an ihrem freien Tag spazierengehen, an der Ihme und am Maschsee sitzen, dreht Stephan K. mit seiner Cessna Vollkreise über der Stadt. Obwohl er den Piloten nicht mehr über Funk erreichen kann, handelt der Tower-Lotse noch immer nicht.

Circa 10.20 Uhr: Erst nach weiteren knapp anderthalb Stunden wird dem Lotsen offenbar klar, dass etwas nicht stimmt. Es wird auch von Notrufen besorgter Bürger berichtet. Vermutlich ausgehend von einer konkreten Bedrohungslage werden nun die zuständigen Behörden informiert. Alarm für Polizeihubschrauberstaffel Niedersachsen und die Luftwaffe der Bundeswehr!

Circa 10.30 Uhr: Am Flughafen Hannover steigt ein Polizeihubschrauber auf, um der Sache auf den Grund zu gehen. Nahezu zeitgleich machen sich in Wittmund zwei F4-Phantom-Abfangjäger startklar für den Flug nach Hannover.

10.40 Uhr: Die Besatzung des alarmierten Polizeihubschraubers hat Stephan K. mit seiner Cessna lokalisiert und ins Visier genommen. In der folgenden Viertelstunde fliegen die Polizisten in sicherem Abstand neben Stephan K. her und observieren die Maschine. Während dieser Zeit gelingt es ihnen jedoch nicht, mit dem Piloten Kontakt aufzunehmen. Auch Steuerbewegungen können sie nicht erkennen. Stephan K. reagiert nicht mehr, die Cessna befindet ich offenbar in einem unkontrollierten Flugzustand. Vermutlich ist der Pilot eingeschlafen.

10.55 Uhr: Die offenbar ungesteuerte Cessna verliert nun kontinuierlich an Höhe. In Sichtweite des Polizeihubschraubers nähert sich das Flugzeug gleichmäßig nach links kreisend dem Boden.

Circa 11.00 Uhr: Dreieinhalb Stunden nachdem er das Kleinflugzeug aus dem Hangar gestohlen hat, kollidiert der noch immer betrunkene Stephan K. – sehr wahrscheinlich schlafend – mit dem bewaldeten Südhang der Kalihalde Empelde. Die Cessna explodiert und geht in Flammen auf. Stephan K. stirbt, verbrennt bis zur Unkenntlichkeit.


Aus dem Abschlussbericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) geht hervor, dass die Todesursache des Piloten ein Hitzeschock in Verbindung mit einem Inhalationstrauma gewesen ist. Das heißt: Hätte die Cessna nicht zu brennen begonnen, hätte der 21-Jährige den Absturz vermutlich überlebt. Der festgestellte Blutalkoholgehalt betrug zum Unfallzeitpunkt 1,45 Promille.


Quellen:

  • BFU-Untersuchungsbericht Nr. 3X033-0/04 (Dezember 2009)
  • Freiwillige Feuerwehr Empelde
  • Hannoversche Allgemeine Zeitung
  • Die Welt / Axel Springer SE