Coronavirus: IATA erarbeitet Strategien zum Neustart der Luftfahrt

Bild: IATA-Report
Die IATA-Studie für den Neustart der Luftfahrt nach COVID-19. Foto: Weber

Dienstag 5. Mai 2020 – Montreal (we). Der größte internationale Luftfahrtverband IATA (International Air Transport Association) hat Strategien für eine Wiederaufnahme des Flugverkehrs nach der Corona-Krise erarbeitet. Das Skript sieht eine Vielzahl an Maßnahmen vor, die sich die Experten kurzfristig oder langfristig vorstellen könnten – darunter die derzeit in Deutschland sehr umstrittenen Immunitäts-Ausweise für Corona-Genesene.

Hinter der Ausarbeitung steht der Medical Advisor der IATA – als Bindeglied zwischen ärztlicher Praxis und klinischer Forschung – gemeinsam mit der Medical Advisory Group, die aus Ärzte-Vertretern von zehn Fluggesellschaften besteht. Das Papier ist kein Gesetz, wird aber sehr wahrscheinlich von allen Airlines befolgt. Und obwohl der Zeitpunkt eines »Neustarts« des internationalen Flugverkehrs noch längst nicht feststeht, gibt der Bericht einen interessanten Ausblick, was in den nächsten Monaten auf Passagiere und Urlaubsreisende zukommen könnte.

Anzeige


Corona-Sicherheit im Flugverkehr

Um die Sicherheit der Passagiere zu gewährleisten und die Verbreitung des Coronavirus gering zu halten, auch wenn der Flugverkehr wieder aufgenommen wird, gibt es verschiedene Ideen. Konkret sehen die Experten der IATA folgende Sicherheitsmaßnahmen vor:

  • Fieber-Screening
  • Symptom-Screening
  • Schutzausrüstung wie Masken
  • Abstandsregelungen
  • Reinigung und Desinfektion
  • Covid-19 Testing
  • Antikörper-Tests
  • Immunitäts-Ausweise
  • Nachverfolgbarkeit

Für Crew-Mitglieder – also etwa Piloten und Flugbegleiter – sind darüberhinaus weitere spezielle Maßnahmen angedacht. Perspektivisch werden auch Schritte erwähnt, die erst durchführbar sind, wenn beispielsweise ein Impfstoff gegen Corona bzw. das Covid-19-Virus entwickelt worden ist.

Passagier-Screening auf Fieber und Symptome

Nicht ungewöhnlich, weil naheliegend: Als erstes raten die Experten zu Temperatur-Screenings (also Fieber-Untersuchungen), darauf, Passagiere auf typische Symptome zu checken und zum Tragen von Schutzausrüstung wie Mund-Nasen-Masken. Die Temperaturmessung habe an der Hautoberfläche stattzufinden und idealerweise nicht durch die Airlines, sondern durch das Flughafen-Personal vorgenommen zu werden, heißt es.

Weil die zu erwartenden Ergebnisse insgesamt durch etliche Faktoren nicht besonders belastbar sind (beispielsweise andere Gründe für Fieber als Corona, die Einnahme temperatursenkender Medikamente und damit mögliches Durchrutschen durch die Kontrolle etc.), ist nach Ansicht der Experten ein zusätzlicher Check auf typische Covid-Symptome sinnvoll. Etwa durch eine Befragung, bei der die Passagiere auf Fragen zu Fieber, Husten und Atmung antworten müssen.

Schutzmasken, Handschuhe und Desinfektion

Darüberhinaus wird »personal protective equipment« (PPE) empfohlen, also persönliche Schutzausrüstung. Wenn es um Mund-Nasen-Masken geht, verweist die IATA auf die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO. OP-Masken sollen denen vorbehalten sein, die damit arbeiten müssen oder aber Passagieren, die sich bereits unwohl fühlen. Wer eine Maske trägt, müsse auch auf sorgfältige Händehygiene achten, heißt es. Insgesamt erfordere das Tragen der Masken etwas »Training«. Crew-Mitglieder sollten zudem Handschuhe tragen.

Zudem wird die Reinigung und Desinfektion häufig oder kürzlich berührter Flächen empfohlen. Zwischen den Turnarounds habe eine Reinigung und Desinfektion etwa mit 60-prozentigem Alkohol zu erfolgen. Die IATA fordert allgemein eine verbesserte Routinereinigung, unabhängig davon, ob sie das Übertragungsrisiko minimiert oder nicht. Passagieren sollen Materialien wie alkoholhaltige Tücher zur Verfügung gestellt werden, damit sie auch zwischen den Turnarounds die Oberflächen an ihrem Sitzplatz reinigen können.

Anzeige


Abstandsregelungen ja – aber wirtschaftlich

Dass es auch Abstandsregelungen geben muss, ist selbsterklärend. Der ideale Abstand beträgt nach Ansicht der IATA einen bis zwei Meter. Das gelte dann mitunter beim Checkin, in den Lounges und beim Boarding. Beispiele dafür, wie sich Flughafengesellschaften in ihren Terminals darauf einstellen können, habe das Airports Council International (ACI) bereits veröffentlicht.

In den Flugzeugen könnte es dem Bericht zufolge jedoch schwieriger werden, die Abstände einzuhalten. Speziell für den Fall, dass jeder zweite Sitz leer gelassen würde, wäre der Flug unrentabel, schreiben die Experten. Jedoch seien auch Rückenlehnen eine gute physische Barriere und der Kabinen-Luftstrom von der Decke zum Boden hilfreich für einen schnellen Abzug kontaminierter Luft. Lediglich als Abstandshalter zwischen Crew und Passagieren könne eine Reihe frei gelassen werden. Als kritischsten Punkt betrachten die IATA-Ärzte abgesehen davon die Passagierströme beim Einsteigen und Aussteigen sowie beim Gang zur Bordtoilette. Interessant, dass es explizit erwähnt wird, aber: Die Bordtoilette sollte jeweils nur von einer Person aufgesucht werden.

Schnelltests mit Körpersekreten

Angekommen in der unmittelbaren Privatsphäre geht es weiter mit der Idee von verschiedenen Tests, etwa der polymerase chain reaction (PCR). Für diesen Kettenreaktionstest auf eine aktuelle Coronavirus-Infektion würde dem Passagier mit einem Tupfer Sekret aus dem oberen Rachen entnommen und das genetische Material dann in einem Labor herangezüchtet werden. Weil es allerdings sehr lange dauert, bis ein Ergebnis vorliegt, will die IATA entsprechende Schnelltests, die noch ein Untersuchungsergebnis vor Ort ermöglichen. Mit deren allgemeiner Verfügbarkeit wird allerdings nicht vor Ende des Monats gerechnet. Von Antigen-Schnelltests als Alternative rät die IATA derweil ab, weil sie offenbar sehr hohe falsch-negative und auch falsch-positive Ergebnisse liefert.

Eine weitere Möglichkeit, die zahlreiche Forschungsgruppen derzeit entwickeln, wäre ein sogenannter Antikörper-Test. Dabei müssten Fluggäste etwas Blut aus der Fingerspitze abgeben. Der Nachweis von Covid-Antikörpern könnte dann eine Immunität bestätigen. Weil jedoch bislang die »Dauer der Immunität« noch nicht klar ist, wären die Testergebnisse nur sehr kurzlebig. Momentan wäre dieses Instrument deshalb – abseits epidemiologischer Studien – noch nicht zuverlässig genug, so die IATA.

Corona-Immunitätsausweise

In Verbindung mit einer nachgewiesenen Immunität (zum Beispiel durch den dann ausgereiften und belastbaren) Antikörper-Test könnte es nach Vorstellung der IATA-Ärzte langfristig auch sogenannte »Immunity Passports« geben – also ein Dokument, ein Eintrag im Reisepass oder im elektronischen Visum, das die Person als immun ausweist. Vorteil für solche Passagiere: Sie könnten Schutzmaßnahmen am Flughafen bedenkenlos umgehen, müssten dann beispielsweise keine Gesichtsbedeckung tragen und sich keiner Temperaturkontrolle unterziehen. Das gelte insbesondere auch für Besatzungsmitglieder und Flughafenmitarbeiter, die nachweislich immun sind.

Weil jedoch wie erwähnt die Dauer der Immunität derzeit nicht zweifelsfrei abzuschätzen ist und außerdem Gefahr besteht, dass sich Menschen absichtlich infizieren, um an einen Immunitäts-Ausweis zu gelangen, hält die IATA solche Ausweise zum jetzigen Zeitpunkt für »unklug«.

Tracing zur Nachverfolgbarkeit

Vor allem, um Kontakte von Personen nachvollziehen zu können, die unmittelbar nach der Reise positiv auf Corona getestet worden sind, sei außerdem ein Tracing nötig. Um die Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten, sollen Passagiere schlicht ihre Kontaktdaten angeben. Dazu könnten etwa Handy-Apps verwendet werden, die mit Zustimmung des Nutzers auch Bewegungs-Tracking zuließen – und zwar nicht nur für den Fluggast selbst, sondern auch für dessen »engen Kontakte«. Der Einsatz einer solchen App könnte nach Vorstellung der IATA eine Bedingung der Regierungen sein, um überhaupt internationale (oder auch inländische) Flugreisen wieder zuzulassen.

Welche Schritte letztlich umgesetzt werden, bleibt abzuwarten und ist auch im Bereich der Luftfahrt abhängig von der weiteren Entwicklung der Virus-Dynamik und der Forschung in den Bereichen Krankheitsverlauf, Impfstoff und Dauer der Immunität. Passagiere, die allerdings direkt nach der Wiederaufnahme des Flugverkehrs verreisen wollen, könnten sich bereits darüber Gedanken machen, ob sie bereit sind, insbesondere Blut abzugeben, einen Immunitäts-Pass mitzuführen oder gar einer App erlauben, nicht nur die eigenen, sondern auch die Bewegungen ihrer »engen Kontakte« (sofern letzteres nach deutschem bzw. EU-Datenschutzrecht überhaupt möglich wäre) nachzuverfolgen.


Was ist die IATA?

Die International Air Transport Association (IATA) mit Sitz in Montreal in Kanada ist ein Branchenverband, dem nach eigenen Angaben 290 Fluggesellschaften angehören. Diese 290 Airlines führen 82 Prozent des weltweiten Flugverkehrs durch. Die IATA verknüpft in ihrem Verständnis die Luftfahrt mit verschiedenen Aspekten der globalen Wirtschaft. Mitglieds-Airlines müssen sich an bestimmte IATA-Standards halten und Mitgliedsbeiträge zahlen. Interessant: Vorstandsvorsitzender der IATA ist der Deutsche Carsten Spohr – seines Zeichens ebenfalls Vorstandsvorsitzender der Lufthansa.