Discounter-Drohnen zu Weihnachten – Kleine Katastrophen mit Ansage?

Bild: Closeup Werbeprospekte
Große Discounter locken am 1. Adventswochenende mit Drohnen für 38,79 und 48,49 Euro. Foto: Weber

Ein Kommentar von Frank Weber

Sonntag 28. November 2020 – Hannover (we). Wenn an Weihnachten Billigdrohnen unter dem Christbaum liegen, geht es wieder richtig rund. Kinderaugen glänzen vor Freude, während Drohnen-Experten die Tränen kommen mögen. Unbedarfte Anfänger treffen auf einfachste Technik – und die Katastrophen sind programmiert. Oder?

Pünktlich zum 1. Advent werben bekannte Supermärkte um Kunden, die ihre Discount-Drohnen kaufen. Während die Kostenspanne für ernstzunehmende, sichere Modelle beim Zehnfachen überhaupt erst beginnt, gibt es dieser Tage »Quadrocopter« für rund 40 Euro zu kaufen. Ein Schnäppchen zwar, doch schon jetzt ist absehbar: Es wird wieder zahlreiche Regelverstöße mit den Billigdrohnen geben – wahrscheinlich meist fahrlässig, nicht vorsätzlich. Aber gefährlich.

Billigdrohne vom Discounter nur Spielzeug?

Was die Billigdrohnen im Vergleich zu DJI & Co. alles nicht können, geht aus den Artikelbeschreibungen in den bunten Werbeprospekten freilich nicht hervor. Das Design auf den Produktfotos der »Quadrocopter« erweckt allerdings für Laien schon den Eindruck eines ebenbürtigen Pendants – auch wenn es sich offiziell um ein Spielzeug ab 14 Jahren handelt und technisch Welten hinter den Profi-Technologien liegt. Interessant: Das Gewicht ist nirgends angegeben, dürfte aber ausreichend gering sein, um zumindest die Kennzeichnungspflicht zu umgehen.

Schön für den Käufer, haarsträubend für erfahrene Beobachter. Wer als Anfänger mit einer Billigdrohne draußen fliegen geht, wird sehr wahrscheinlich mit dem Recht in Konflikt geraten. Denn: Auch Spielzeug-Drohnen ohne Kennzeichnungspflicht erzeugen beispielsweise Lärm in einem Landschaftsschutzgebiet. Auch Spielzeugdrohnen dürfen nicht in der Nähe von Flughäfen oder Hubschrauberlandeplätzen an Krankenhäusern betrieben werden. Wenn Spielzeugdrohnen »in der Lage sind, optische, akustische oder Funksignale zu empfangen, zu übertragen oder aufzuzeichnen«, sind außerdem Wohngrundstücke tabu, sofern der Eigentümer Ihrem Spielzeugflug nicht ausdrücklich zugestimmt hat.

Verbote und »Das hat mir keiner gesagt!«

Doch wer kann das alles schon wissen, wenn es einem niemand gesagt hat? Wenn in einem Naturschutzgebiet mal ein paar Birkhühner aufgeschreckt werden – naja, was soll’s? Das Teil stürzt unkontrolliert aufs Hausdach des Nachbarn – sei’s drum. Ist ja nur Spielzeug.

Dass man sich – auch als Spielzeug-Pilot – besser vorher informiert hätte, wird meist erst dann klar, wenn zufällig mal ein zufällig fachkundiger Beamter vom Ordnungsamt des Weges kommt oder spätestens wenn die Riesen-Katastrophe passiert ist. Doch selbst dann gilt oft weiterhin die Denkweise »Ich wollte nur spielen und wenn ich was nicht weiß, sind die anderen Schuld, weil sie mich nicht drauf hingewiesen haben«. Technik wie in hochwertigen Drohnen, die ein grobes Unvermögen des Drohnen-Piloten eventuell noch relativieren könnte, fehlt bei den Spielzeugen. You get what you pay for. Ungünstigerweise erwarten Billigdrohnen-Käufer meist, dass eine Technik für Sicherheit sorgt, die es in ihrem Billigmodell gar nicht gibt. Es fehlt also insgesamt das Verständnis für das Gefahrenpotential und die eigene Verantwortung.

Was Drohnen und Baseballschläger gemeinsam haben

Fakt ist: Vor allem die Discounter sind in Sachen Verantwortung fein raus. Was der Käufer der Billigdrohne damit anstellt, interessiert den Verkäufer nicht – und muss ihn auch nicht interessieren. Es ist ja auch in anderen Bereich so: Wenn im Sportgeschäft jemand einen Baseballschläger kauft, ist kein Verkäufer dazu verpflichtet, dem Kunden zu sagen »Sie dürfen damit aber nur Bälle dreschen, keine Menschen, ja?«. Wie der Umgang mit dem Baseballschläger kann aber eben auch der Betrieb von Mini-Drohnen große Schäden anrichten, wenn das Gerät bewusst oder unbewusst falsch bedient wird.

Das Problem an der Sache: Die Denkweise nahezu aller Käufer solcher Billigdrohnen beschränkt sich auf ein meist beharrliches »Wenn ich dies und das damit nicht machen dürfte, hätte es ja in der Beschreibung stehen müssen«. In der Bedienungsanleitung steht jedoch sehr wahrscheinlich nur so etwas geschrieben wie »Informieren Sie sich über die Rechtslage vor Ort, bevor Sie die Drohne draußen aufsteigen lassen«. Eine Art Disclaimer, mit dem der Hersteller alle Verantwortung von sich weist und sie allein auf den Drohnen-Steuerer überträgt.

Gefährliches Halbwissen oder völlige Ahnungslosigkeit

Ungünstig: Es wird nicht beschrieben, über was genau man sich informieren soll. Dementsprechend wird sich auch sehr wahrscheinlich niemand derer, die demnächst einen Supermarkt-»Quadrocopter« steuern, vorab über Dinge wie Luftrecht, Naturschutz- oder Landschaftsschutzgebiete Gedanken machen. Die Folge davon sind bestenfalls Verstöße gegen regionale Schutzgebietsverordnungen (Umweltrecht auf Landkreisebene) und schlimmstenfalls gefährliche Eingriffe in den Luftverkehr.

Auch wenn einige Menschen und Drohnen-Piloten fest vom Gegenteil überzeugt sind: Gefährliche Eingriffe in den Luftverkehr können mit allen ferngesteuerten Luftfahrzeugen hervorgerufen werden, auch mit Spielzeug-Drohnen unter 250 Gramm! Die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht und großen Teilen der BMVI-Drohnenverordnung ist eben kein Freibrief für eine »Ist ja nur ein Spielzeug, da kann ich machen was ich will«-Mentalität.

Katastrophen-Szenarien für Drohnen-Unfälle

Wer sich nicht richtig informiert und eben macht was er will, kann selbst mit der kleinsten Drohne die größten Unfälle provozieren – meist grob fahrlässig, also aus Unachtsamkeit. Zur Verdeutlichung drei Beispiele, auch wenn sie auf den ersten Blick noch so unwahrscheinlich erscheinen mögen.

  • Beispiel 1: Beim Überfliegen einer Straße touchiert Ihre <250-Gramm-Drohne einen Baum und stürzt auf die Windschutzscheibe eines fahrenden Autos. Die Autofahrerin erschrickt, verreißt das Lenkrad und kracht gegen einen Baum. Die Folge: Ein schwerer Verkehrsunfall.
  • Beispiel 2: Beim »Spielen« am nahegelegenen Regionalflughafen wird die Funkverbindung zu Ihrer <250-Gramm-Drohne durch Interferenz gestört, wodurch sie unkontrolliert auf ein landendes Strahlflugzeug zufliegt. Die Drohne gerät ins Triebwerk, das daraufhin ausfällt. Die Folge: Eine Luftnotlage.
  • Beispiel 3: Beim Drohnenflug am benachbarten Krankenhaus nähert sich Ihnen plötzlich ein Rettungshubschrauber. Weil sie die Steuerung noch nicht beherrschen, gerät Ihre <250-Gramm-Drohne in den Heckrotor des Hubschraubers und setzt diesen außer Funktion. Die Folge: Ein Absturz.

Egal was davon: Solche Dinge möchte niemand sehen! Und schon erst recht möchte niemand für solche Katastrophen verantwortlich sein. Das Gefahrenpotential wird jedoch weder von Herstellern noch von Verkäufern in adäquater Weise deutlich gemacht – darüber sind sich Experten einig. Dadurch nehmen es Hersteller und Verkäufer praktisch hin, dass Menschen ganz unbedarft an die Sache herangehen und direkt losfliegen ohne sich über irgendetwas Gedanken zu machen.

»Was kann mir schon passieren?«

Die Denkweise ist unterdessen ganz menschlich. »Was kann mir schon passieren?«, heißt es da, »Im schlimmsten Fall verliere ich 40 Euro«. Bei entsprechend niedrigen Preisen setzt man sich sehr wahrscheinlich nicht so intensiv und ambitioniert mit sämtlichen Randbedingungen auseinander als wenn einen die Drohne 400 oder 800 Euro kosten würde, die man »im schlimmsten Fall verlieren« könnte. Allerdings: Durch die geringen Kosten ist eben auch wieder die Hemmschwelle geringer, einfach mal etwas auszuprobieren und riskanter zu fliegen als man es mit einem zehn- bis zwanzigfach teureren Gerät getan hätte.

So wird die Schere zwischen absoluten Amateuren und ambitionierten Semi-Profis mit jeder dieser 40-Euro-Drohnen-Aktionen größer. Der Markt wird von Billigdrohnen überschwemmt, Regelverstöße nehmen zu und die Akzeptanz in der Bevölkerung schwindet immer mehr. Schon jetzt gibt es nach Angaben des »Verband Unbemannte Luftfahrt« in Deutschland mehr als 450.000 privat genutzte Drohnen.

Hohe Dunkelziffer bei Drohnen-Zwischenfällen

Was es leider nicht gibt: Belastbare gesamthafte Fallzahlen für Zwischenfälle mit Hobby-Drohnen. Es ist also letztlich alles nur ein eher subjektiver Eindruck, der nicht direkt belegt werden kann. Und klar: Wem sein Mikro-Multicopter am 2. Weihnachtsfeiertag in den eigenen Rhododendron fliegt, wird sich zwar ärgern, aber den Absturz natürlich nicht melden. Auch wenn die Funkverbindung abreißt und die Drohne in 250 Meter Entfernung auf dem Ackerboden aufschlägt, interessiert das vermutlich niemanden sonst.

Selbst manch größere Zwischenfälle – so sagen Branchenexperten unter vorgehaltener Hand – werden nicht bekannt, weil sie nicht gemeldet werden. Weder der Öffentlichkeit noch den Behörden. Meist soll es sich bei der Ursache um menschliches Versagen handeln. Um Fehlverhalten, das hätte vermieden werden können, wenn sich die Drohnen-Piloten vorher besser oder überhaupt informiert und mit dem Gerät vertraut gemacht hätten.

EU-Drohnenverordnung kommt auch für Mikro-Drohnen!

Die gute Nachricht für jeden, der das alles kritisch sieht: Dieses Weihnachten dürfte die letzte Gelegenheit sein, Billigdrohnen so einfach wie bisher an den Kunden zu bekommen. In jedem Fall werden sich künftig alle Menschen, die draußen etwas Ferngesteuertes fliegen lassen möchten, in einem gewissen Umfang mit der Drohnen-Theorie beschäftigen müssen. Denn: Mit der neuen EU-Drohnenverordnung 2021 gibt es grundsätzlich auch Anforderungen an Mikrodrohnen-Piloten – insbesondere wenn das Gerät eine Kamera besitzt.

Solche ferngesteuerten Fluggeräte unter 250 Gramm mit Kamera werden in die EASA-Risikoklasse »C0 Mit Kamera« eingeteilt. Für den Steuerer bedeutet das: Es wird zwar kein Kenntnisnachweis benötigt, aber sehr wohl eine Haftpflichtversicherung und eine Registrierung bei der nationalen Luftfahrtbehörde – in Deutschland also dem Luftfahrtbundesamt (LBA). Für Bestandsdrohnen, also Geräte, die bereits auf dem Markt sind, gilt das nicht. Für Geräte, die in Zukunft auf den Markt kommen, aber sehr wahrscheinlich schon.

Viel Hoffnung und ein Appell

Ist also zu hoffen, dass dieses Weihnachten nochmal alles gut geht und es bei den kleinen Katastrophen bleibt: Drinnen dem Rückwärtsflug in den Christbaum oder dem Absturz auf die Weihnachtsgans, draußen dem Verheddern in der Lichterkette oder der automatischen Notlandung auf dem Maulwurfshügel.

Wenn Sie eine Spielzeug-Drohne für sich oder Ihre Liebsten kaufen möchten und – warum auch immer – auf dieser Seite gelandet sind: Informieren Sie sich bitte dringend vorher darüber, wo Sie fliegen dürfen oder vielmehr wo Sie nicht fliegen dürfen und machen Sie sich vorher mit der Technik vertraut! Nutzen Sie kostenlose Dienste und Tools wie die DFS-Drohnen-App und Flynex‘ Map2Fly.

Und wenn Ihnen das zu anstrengend ist, überlegen Sie mal: Vielleicht tut es ja auch ein Baseballschläger. Frohe Weihnachten.

Autorenfoto: Frank Weber

Autor: Frank Weber
Der Autor dieses Beitrags hatte seinen »Drohnen-Erstkontakt« im Jahr 2012 als Cam-Operator einer zivilen 30.000-Euro-Drohne. Seither hat er sowohl Technologie- als auch Marktentwicklungen für Profi- und Hobby-Drohnen verfolgt.

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